Warum wir bald auf den Ringen radfahren werden

Warum wir bald auf den Ringen radfahren werden

Die Ringe sind als Radverbindung unbeliebt – die schmalen, schlecht gepflasterten Radwege eng an der Außengastro sind oft mit Scherben überseht und werden dauernd von Fußgängern benutzt. Das wird sich ändern.

Die Ringe könnten Kölns Prachtstraßen sein – und sind doch oft unbeliebt und haben kein besonders gutes Image. Insbesondere nicht bei Radfahrern. Vor ein paar Tagen ist es zu einem schweren Unfall gekommen. Ein Radfahrerin wurde lebensgefährlich verletzt – auch und gerade, weil sie auf dem Radweg unterwegs war.

Denn die Radwege auf dem Ring sind zwar schlecht – aber benutzungspflichtig. Man erkennt dies am “Verkehrszeichen 237” – im Radfahrervolksmund auch gerne “blauer Lolli” genannt. Wo der steht, muss auf dem Radweg gefahren werden (es sei denn, dieser ist verschmutzt / zugestellt).

Doch das wird sich bald ändern, und dafür gibt es gute Gründe.

#1: Die Radwege sind eine Zumutung

Die Radwege auf dem Ring sind schlecht – zu eng, zu rutschig bei Regen, zu wackelig, zu nah der Gastronomie, zu eng durch wartende Fußgängerpulks an Ampeln durchgeführt. Sagt sogar der Express. Zudem werden Radfahrer  von parkenden Autos, Zeitungsboxen oder anderem verdeckt und sind damit für rechtsabbiegende Autofahrer nur schwer zu sehen.

Auf dem ganzen Ring gibt nur etwa 200 Meter Radweg, die in Breite und Beschaffenheit den gesetzlichen Mindestvorgaben entsprechen (nördlich des Rudolfplatz). Aber auch hier gilt: Die Zu- und Abfahrt an beiden Enden ist unzumutbar.

Ein unzumutbarer Radweg kann nach der StVo-Novelle von 1998 aber gar nicht mehr benutzungspflichtig sein. Die Fahrbahn muss also mittelfristig von der Verwaltung freigegeben werden.

Übrigens: Auch die auf dem Ring angelegten Schutzstreifen sind eine Zumutung. So sind sie zu eng an geparkten Autos in der sogenannten “Dooring-Zone” vorbeigeführt – und laden zum zu engen Überholen ein.

Bildschirmfoto 2015-10-06 um 00.23.17

Der Radverkehr auf den Ringen (Quelle: Google MyMaps).

#2: Die Straße ist nicht gefährlich

Es gibt noch einen zweiten Grund, warum die Radwege freigegeben werden müssen: Die Straße ist nicht sonderlich gefährlich. So wird der Radverkehr auf weiten Teilen des Ringes in der Südstadt auf der Fahrbahn geführt – problemlos. Auch gibt es auf den Ringen keine sich von Autobahnabfahrten einfädelnden Schnellfahrer, keine besonders uneinsichtigen Situation etc. Stattdessen an vielen Stellen zwei Fahrspuren – hier können Radfahrer auf der rechten Spur mit sicherem Abstand zu geparkten Autos fahren und Autos auf der linken mit ausreichendem Abstand überholen.

Nach der StVo ist dies übrigens der zweite Grund, warum die Ringe freigegeben werden müssen – der Radfahrer muss grundsätzlich die Wahlfreiheit haben. Radwegbenutzungspflichten dürfen nur angeordnet werden, wenn eine besondere Gefährdungslage vorliegt.

#3: Um die Ecke funktioniert es auch.

Diesen Sommer wurde die Radwegbenutzungspflicht auf der Lindenstraße aufgehoben – viele Radfahrer fahren weiter auf dem Radweg, eine wachsende Anzahl auf der Fahrbahn. Und es funktioniert. Auch aufgehoben ist die Radwegbenutzungspflicht auf der Dürener, der Venloer, Teilen des Gürtels. Bis zu den Ringen ist es da nur noch ein kleiner Schritt.

#4: Die Radfahrer nehmen sich ihr Recht.

Wer aufmerksam schaut, wird immer mehr Radfahrer sehen, die bereits auf der Straße fahren – teils legal, weil der Radweg durch Baustellen blockiert ist, teils illegal. Und teils unter Schikanen durch die Polizei.

Radfahrer, die erfahren, wie entspannt es sich auf der Fahrbahn fährt – und die geschockt sind, wenn sie dann wieder auf dem Radweg fahren. Jeder der hunderte Radfahrer, der bei einer Critical Mass mitgefahren ist, weiß, wie entspannt es sich auf der Fahrbahn fährt.

#5: In Berlin wird geklagt. Erfolgreich.

In Berlin klagt ein Anwalt reihenweise gegen noch bestehende Radwegbenutzungspflichten – und gewinnt! Bei dem Vorbild wird es auch in Köln nur eine Frage der Zeit sein, bis ein engagierter Verkehrsanwalt sich der Sache annimmt. Und weil die Situation wie oben beschrieben ist – weder gibt es adäquate Radwege noch eine besondere Gefährungslage – stehen auch in Köln die Chancen für Klagen wohl gut. Darauf wird es die Verwaltung wohl nicht ankommen lassen.

Auch an andere juristischer Aspekt spielt eine Rolle: Kommen Radfahrer auf den (wohl StVO-widrig ausgewiesenen) Radwegen zu Schaden, könnte es Klagen auf Schadenersatz geben.

#6: Der Verwaltung wird es hinbekommen (müssen).

Bisher lehnt die Kölner Verwaltung die Freigabe der Fahrbahn ab – weil die “Räumzeiten” an den Ampeln sich nicht ändern ließen, d.h. langsame Radfahrer vom querenden Autoverkehr gefährdet werden könnten. Die Ampeln umzuprogrammieren sei zu teuer und aufwändig.

Aber ist das wirklich ein Argument? Kann man Menschen aus Kostengründen dauerhaft auf schlechte, gefährliche Radwege zwingen? Müssten hier nicht andere Maßnahmen ergriffen werden – Tempo 30 für die kreuzenden Straßen? Neue Ampeln? Auch werden eh die eher schnelleren, sicheren Radfahrer auf der Straße fahren – und die langsameren auf dem Radweg.

Mit der Aufbebung der Radwegbenutzungspflicht würde die Verwaltung beweisen, dass sie die StVO-Novelle von 1998 endlich umsetzt – mit einer Verzögerung von 18 Jahren. Wer auch immer neuer Oberbürgermeister wird – hier kann der Gewinner beweisen, dass und wie er Verwaltungshandeln flexibel und rechtssicher neu ausrichten wird.

#7: Die Ringe eignen sich für das neue “Köln-Düsseldorfer Modell”.

Nicht zuletzt könnte die Verwaltung auf den Ringen ihr neues Modellprojekt umsetzen. Die beiden Fahrbahnspuren bieten sich für die Einrichtung einer rechten Tempo30-Radvorrang-Spur und einer linken (Tempo 50?)-Überholspur für Autofahrer geradezu an. Dies würde das Problem der unzulässigen Radwegbenutzungspflicht sowie der schlechten Schutzstreifen auf einmal lösen.

Noch ist es natürlich nicht so weit. Am Mittwoch wird es eine Fahrrad-Demo geben – auch, um die Freigabe der Ringe für den Radverkehr geben. Die Agora Köln fordert die Freigabe in ihrem Mobilitätskonzept. Und es gibt 7 gute, teilweise zwingende Gründe.

Also – gebt den Ring frei und lasst uns das entspannt-sichere Radfahren beginnen!

 

UPDATE 1: Mittlerweile gibt es auch eine offizielle Petition zum Thema “Ring frei”. Sie soll am 3. November im Beschwerdeausschuss der Stadt Köln verhandelt werden. Bis dahin ist Zeit, die 6600 Unterschriften vollzubekommen.

UPDATE 2: Auch die Kölnische Rundschau das Thema in einem Artikel aufgegriffen.

UPDATE 3: Auch die OB-Kandidaten haben sich mittlerweile geäußert – Marcel Hövelmann fordert schon länger die “Konsequente Umsetzung der Regelung der Radwegbenutzungspflicht aus dem Jahr 1997”, für Jochen Ott gehört “im Rahmen der Erarbeitung und Umsetzung von Radverkehrskonzepten” auch die “Überprüfung der Straßenzüge auf Vorliegen einer außerordentlichen Gefahrenlage”dazu, und Henriette Reker will dafür sorgen, dass “die bereits seit 1997 geltende Novelle der StVO in Köln umgesetzt wird”, denn “Radfahrer gehören auf die Straße und nicht auf gefährliche Radwege”.