Nachhilfe für den StadtAnzeiger

Nachhilfe für den StadtAnzeiger

Der StadtAnzeiger hat in letzter Zeit die Fahne für die Radfahrer und die Verkehrssicherheit geschwenkt. Das ist gut. Im Tagesgeschäft dagegen gibt es Aussetzer bei der journalistisch-sprachlichen Sorgfaltspflicht  – wenn es um die Berichterstattung zu Radunfällen geht.

Worum geht es?

In der Berichterstattung zu Radunfällen wird oft eine verharmlosende Sprache benutzt, die, in der Verwendung von Passivformen auch noch sprachlich ungelenk, die Schuld von Autofahrern verschleiert und beschönigt. Autofahrer “übersehen” Ampeln, Unfälle “geschehen”, es “kommt zu Kollisionen” – dabei ist eine der Hauptlinien für journalistisches Schreiben, “Ross und Reiter” zu benennen und nach Möglichkeit aktive Verbformen zu verwenden.

Hier ein kleines, von uns korrigiertes Beispiel:

“Mit schweren Kopfverletzungen musste ein 24-Jähriger am Mittwochnachmittag ins Krankenhaus eingeliefert werden — ein Opel-Fahrer hatte eine rote Ampel  übersehen missachtet.” (…)

(…) Gegen 17.15 Uhr kam es hat in Müngersdorf zu einer Kollision, bei der ein Autofahrer einen 24 Jahre alter Radfahrer schwer verletzt wurde.

Der Mann war auf dem Gregor-Mendel-Ring in Richtung Vogelsanger Weg unterwegs. An einer Kreuzung fuhr ihn ein Auto an wurde er von einem Auto erfasst, dessen Fahrer nach Angaben der Polizei eine rote Ampel missachtete. Der 24-Jährige verlor viel Blut und war nicht mehr ansprechbar. Er wurde mit einem Rettungshubschrauber ins Klinikum Merheim gebracht.

Die Polizei ermittelt gegen den Autofahrer wurden Ermittlungen eingeleitet. (…)”

Warum ist dies so?

Woher kommt es, dass nach Radunfällen journalistisch-sprachliche Standards über Bord gehen?

Zum einen ist der Redaktionsalltag stressig, und Passivformen helfen im Stress, nicht genauer nachfragen und hinhören zu müssen.

Zum anderen drücken die sprachlichen Muster aus, dass und wie der Autoverkehr und seine Unfallfolgen als “Normalfall” gesehen wird. So ist halt der “Lauf der Dinge”. Radfahrer begeben sich in Gefahr, Autofahrer überfahren halt mal wen. Da aber im Beispiel oben die Missachtung einer roten Ampel durch einen Autofahrer vorausging, gibt es eben doch einen Schuldigen – im Stress, kurz abgelenkt durch sein Smartphone, aber eben halt am Steuer eines gefährlichen Gerätes und dadurch schon haftend – und im konkreten Fall auch regelverletzend.

Eine auch sprachlich solide Berichterstattung würde das Verhalten im Straßenverkehr nicht ändern – aber ist doch ein kleiner Baustein auf dem Weg zu einer gerechteren, menschlicheren, nachhaltigen Mobilität in Köln.

 

Wir wünschen dem Unfallopfer gute Besserung.

Und wir wünschen uns vom StadtAnzeiger eine auch sprachlich faire und gute Berichterstattung.

 

ps: Hier noch, an Polizeidienststellen gerichtet, 10 Regeln für bessere Unfallmeldungen.