Millilux - was passiert in Klettenberg?

Millilux – was passiert in Klettenberg?

Die Kreuzung von Luxemburger Straße und Militärring soll umgebaut werden – die Bahn kommt unter die Erde, das Auto bekommt mehr Platz. Doch was passiert mit Rad-, Fuß- und Reitverkehr? Lässt sich noch verhindern, dass die Mobilitätspläne der Stadt unter die Landesräder kommen? Und wird die Luxemburger jetzt Feinstaub-Paradies oder Hölle? Ein Kurzbericht vom Infotreffen der Agora Köln.

Seit längerem wird sie neu geplant – die Kreuzung von Luxemburger Straße und Millitärringstraße (der Kölner betont auf dem dritten i). Jetzt liegen die konkreten Pläne und alle Studien vor, es läuft eine Eingabefrist und demnächst sollen die Bagger kommen. Am 19. Februar trafen sich Anwohner*innen sowie Interessierte aus der Köln Rad- und Mobilitätsszene, um die Pläne zu diskutieren.

Was ist geplant?

Momentan werden alle Verkehrsströme auf einer Ebene geführt – und insbesondere die Kreuzung von Bahn- und Autoverkehr sorgt für lange Wartezeiten (auch für Fußgänger und Radfahrer) sowie für Staus (im Autoverkehr). Um dies zu ändern, soll die Bahn unterirdisch in einen “Trog” verlegt werden. Gleichzeitig wird die Kreuzung großflächig umgestaltet: Es gibt neue Links- und Rechtsabiegerspuren und die Führung von Rad- und Fußverkehr wird geändert.

Die Umplanung ist wohl auch notwendig geworden durch die Planung einer Umgehungsstraße in Köln-Hürth.

Das “Plangebiet” umfasst nur die konkrete Kreuzung. Analysiert wurde, wie sich die Änderung auf den Bahn- und Autoverkehr sowie auf Luft (Feinstaub und Stickoxid), Wasser, Boden und Artenvielfalt im Kreuzungsbereich und den angrenzenden Parzellen auswirkt. Und das sehr ausführlich: Allein die Umweltverträglichkeituntersuchung (UVU) hat einen Umfang von 100 Seiten.

Nicht (!) berücksichtigt wurde:

  • wie sich die Planung auf Auto- und Bahnverkehr im weiteren Umfeld auswirkt, insbesondere auf der Luxemburger. Dazu gehört auch, wie die neue Kreuzung den “modal split”, die Verteilung der Verkehr auf Auto, Bahn etc. auswirkt,
  • Die Auswirkungen auf die Umwelt im weiteren Umfeld – insbesondere über den Planbereich hinaus in die Luxemburger stadteinwärts in Klettenberge und Sülz.
  • Die Auswirkung auf Rad-, Fuß- und Reitverkehr, ob im Kreuzungsbereich oder im weiteren Umfeld.

Teilweise liegt dies wohl am deutschen Planungsrecht – bei einer auf einen Bereich beschränkten Baumaßnahme wird wohl nur das direkte Umfeld berücksichtigt. Teilweise liegt die eingeschränkte Sichtweise auch daran, dass die Planungen von Straßen.NRW verantwortet werden – die andernorts für Autobahnen & Co zuständig sind und von daher keine Kompetenz für Fußgänger- und Radfahrverkehr vorhalten.

Was ist gut an den Planungen?

Laut den Gutachten soll der Autoverkehr im Planungsbereich besser fließen. Dadurch reduziert sich die Feinstaub und Stickoxid-Belastung im Kreuzungsbereich leicht.

Die Auswirkungen auf die Natur vor Ort sind begrenzt, für den Bau des “Trogs” sowie während der Bauphasen fallen (stadtnahe) Grünflächen weg, hier werden vor den Toren der Stadt bestehende Grünflächen aufgewertet (mit Büschen und Bäumen).

Auch der Bahnverkehr könnte profitieren. Perspektivisch bietet die Umplanung auch die Möglichkeit, den Takt der Linie 18 zu verdichten (auf 5 Minuten), was heute die Kreuzung weitgehend lahmlegen würde. Hiermit könnte insbesondere der Pendelverkehr, auch zwischen Studentenunterkünften in Hürth und der Universität, besser abgewickelt werden.

Was ist schlecht?

Fuß- (und Reit-)verkehr

Negativ betroffen von der Planungen ist zuerst der Fuß (und Reit-)verkehr. So werden Fußgänger über mehrere frei laufende Rechtsabbieger geführt, die Autofahrer zum Schnellfahren ermutigen und damit ein Risiko darstellen. Zudem werden die Wege dadurch übermäßig komplex: Wer im Äußeren Grüngürtel die Luxemburger queren möchte, muss über drei Furten – und muss entsprechend bis zu dreimal warten. Er / sie quert dabei sechs (!) Fahrspuren.

Die Sicherheit von Fußgängern wird durch die zu erwartende Zunahme im ganzen Kreuzungsbereich gefährdet – und bis weit in die Stadtteile Sülz und Klettenberg hinein.

Radverkehr

Das zweite Set an Problemen ergibt sich für Radfahrer. Auch bisher ist die Kreuzung mit langen Wartezeiten verbunden.

Aber zumindest der für Pendler wichtige Radweg nördlich der Linie 18 kreuzt den Militärring recht unkompliziert. In Zukunft wird diese direkte Verbindung unterbrochen und in den direkten Kreuzungsbereich geführt. Was sich (zum Beispiel durch einen Tunnel) recht schnell zu einem kreuzungsfreien Radexpressweg von Hürth nach Köln (und über den Beethovenpark zur Uni hin) ausbauen ließe, wird verstümmelt.

Problematisch sind auch hier die “freilaufenden Rechtsabbieger”. Autos können hier frei und ungebremst fahren – während Radfahrer warten müssen und dadurch benachteiligt werden. Freilaufende Rechtsabbieger sind zudem häufige Unfallstellen – die Stadt Köln hat beschlossen, diese nicht mehr zu bauen. Hier setzt sich das Land in den Planungen über den Willen der Stadt hinweg.

Auch bei anderen Wegführungen werden Radler massiv benachteiligt. Ein Auto, dass von der Luxemburger links in den Militärring abbiegt, wartet an einer Ampel und kreuzt keine weiteren Spuren. Ein Radler muss über elf (!) Fahrspuren und fünf (!) Furten – und dementsprechend bis zu fünfmal warten, fünfmal den Bordstein runter und fünfmal wieder hoch.

Vermutlich wird zudem eine Radwegbenutzungspflicht ausgesprochen – zumindest sind keine vorgezogene Halteboxen auf der Straße abmarkiert. Auch dies widerspricht dem Geist der Straßenverkehrsordnung, mit der die Bundesgesetzgebung seit 18 (!) Jahren versucht, den Radverkehr sinnvoll auf der Fahrbahn zu integrieren, statt ihn in umständlichen Seitenwegen zu führen.

Stau, Feinstaub- und Stickoxid auf der Luxemburger Straße

Gar nicht untersucht wurde, wie sich der Ausbau der Kreuzung auf die Luxemburger stadteinwärts auswirkt. Sie führt dort durch die urbanen, eng bebauten Stadtteile Klettenberg und Sülz. Anlieger sind zahlreiche Cafés, Restaurants und Geschäfte, aber auch Schulen und Kindergärten.

Bereits heute ist die Luxemburger Straße eine der Haupteinfahrtsstraßen nach Köln und leidet vermutlich, wie andere Verkehrsachsen, unter einer hohen Feinstaub- und Stickoxid-Belastung (offizielle Zahlen gibt es nicht, eine private Messung wird noch ausgewertet).

Wenn die Kapazität der Kreuzung wie geplant erhöht (und dazu eine Ortsumgehung um Hürth geplant wird), könnte sich diese Situation deutlich verschärfen. Die Luxemburger ist im Kreuzungsbereich dann durchgängig vierspurig mit Tempo 50 (zzgl. Rechts- und Linksabbieger sogar sechsspurig). Im “Stadtbereich” sinkt die Kapazität – durch Ein- und Ausparkmanöver, zweite Reihe Parker und den Radververkehr auf der Fahrbahn.

In der Folge würde die Stickoxid und Feinstaub-Belastung deutlich steigen. Das Problem: In der Planung werden diese Auswirkungen weder erfasst noch berücksichtigt. Eine (sehr ausführliche) Simulation liegt nur für den Kreuzungspunkt selbst vor. Die leichten Verbesserungen dort werden mit einer Verschlechterung im Stadtteil “erkauft”.

Wie kann man es zusammenfassen?

Das ursprüngliche Ziel, Bahn- und andere Verkehre zu trennen, ist löblich.

In der Gesamtsicht plant das Land NRW hier an den Bedürfnissen Kölns vorbei. Weder hilft der Umbau, den Zielen in Köln Mobil 2025 gerecht zu werden – durch die Verschlechterungen für Rad- und Fußverkehr ist eher ein Rückschritt zu erwarten.

Auch für die Feinstaub- und Stickoxid-Belastung ist der Umbau kontraproduktiv – obwohl hier ein Verfahren gegen die Stadt läuft, und auch die Bezirksregierung unter Zugzwang steht. Die gegenwärtigen Planungen werden das Problem aller Voraussicht nach eher verschlimmern.

Das Rad wird von den Planungen zum Freizeitmittel degradiert – für regelmäßige und zügig fahrende Pendler ist die Kreuzung nicht nutzbar. Die Aussicht, Pendlerverkehre von Hürth nach Köln aufs Rad zu verlagern, wird langfristig beschädigt.

Im Planbereich Darüber hinaus
Autoverkehr +++ ++/–
(besser im Grüngürtel, schlechter auf der Luxemburger)
Bahnverkehr +++ +++
Fußverkehr – – – – –
(stärkerer Autoverkehr auf Luxemburger)
Radverkehr – – – – – –
Wasser +/- +/-
Luft (Feinstaub / Stickoxid) +
(leichte Verbesserung)
– – –
(absehbare Belastung auf der Luxemburger)
Artenvielfalt
(Verlust von stadtnahem Grün)
+/-

Was wurde verpasst?

Verpasst wurde die Chance, die Kreuzung für eine moderne Mobilität fit zu machen. Hierfür hätte man  sinnvoll Rad- und Fußbeziehungen schaffen und direkt einen integrierten “Radexpressweg” von Hürth nach Köln planen können (zB im Tunnel unter dem Militärring geführt – oder über einen “Radbrückenkreisel”?

Zudem hätte man die Situation auf der Luxemburger Straße mit in die Planungen einbeziehen können – welchen Platz soll dort in Zukunft der Rad- und Fußverkehr haben? Was heißt das für die Kapazität der Straße? Welche Kapazität darf die Kreuzung dann maximal haben? Diese Fragen hätten zu einem sehr viel bescheideneren Zuschnitt geführt.

Was kann man noch machen?

Momentan läuft die Einspruchsfrist bei der Bezirksregierung Köln – bis zum 17. März 2017 kann man seine Bedenken loswerden (Postalisch an Bezirksregierung Köln·50606 Köln). Der Ansprechpartner ist Herr Wartberg (0221-147 2681).

Die Rad- und Mobilitätsverbände in Köln werden Eingaben machen. Die Stadt ebenfalls – und dabei hoffentlich auf den bisher nicht berücksichtigten Beschluss der Bezirksvertretung Lindenthal hinweisen. Aber auch “normale” Bürger können ihre Stimme erheben und bekommen dann auch in der Abhandlung der Eingaben Rederecht?

Ob nicht schon alles zu spät ist? Die Planung sind natürlich schon recht weit fortgeschritten. Das waren sie aber auch für ein Einkaufszentrum auf dem Heliosgelände und für die Erweiterung des FC-Geländes mitten in einem Naturschutzgebiet. Einspruch lohnt sich also!