Das Ende der Greifvogelschutzstation?

Das Ende der Greifvogelschutzstation?

Für das KÄNGURU Stadtmagazin sollte ich eine kleine Reportage über die Greifvogelschutzstation in Porz-Eil machen. Doch wie das so ist, wenn man sich vor Ort befindet: Man findet nicht das, was man erwartet hatte. Aus der Reportage über die Station wurde ein kleines Portrait über Achim Werner. Das Problem: Sein berufliches Schicksal ist eng mit der Zukunft der Station verbunden. Seine 18-monatige Förderung endet am 30. September.

Neues Leben für Greifvögel

Achim Werner ist 56 Jahre alt und eigentlich Archäologe. Dass er mal Leiter der „Station“ sein würde, wie die Mitarbeiter die Greifvogelschutzstation nennen, hätte er sich früher nicht vorstellen können. Heute ist ein Leben ohne Station kaum denkbar, so wichtig ist ihm die Arbeit mit Mensch und Vogel in den letzten zwölf Jahren geworden.

Achim Werner ist Herr über 50 Greifvögeln und Eulen, die auf einem kleinen Flecken Erde direkt neben Gut Leidenhausen bei Köln untergebracht sind. Die mal größeren, mal kleineren Volieren aus Holz und Metall beherbergen unterschiedliche Patienten. Manche können bald schon wieder in die Freiheit entlassen werden, wenn die Verletzungen heilen und sie ihr Jagdtalent bewiesen haben. Andere bleiben für immer, wie die Eule Ronja, die Werner und seinem Team ganz besonders ans Herz gewachsen ist. Sie ist fehlgeprägt, das heißt, so sehr an den Menschen gewöhnt, dass sie in der freien Wildbahn nicht zurechtkommt.

Das Waldkauz-Weibchen Ronja ist nicht nur Stationsleiter Achim Werner ans Herz gewachsen. Grundschüler lieben das Tier, das gestreichelt werden kann.

Per Katzenbox zur Notaufnahme

Fast alle Tiere der Station sind Fundtiere. Spaziergänger, Forstleute und aufmerksame Personen finden einen hilflosen, verletzten oder herumirrenden Vogel und melden sich über den Vogelnotruf ( 0176 – 49 21 48 58) an. In Katzenboxen und alten Monitorkisten werden die verstörten Tiere gebracht, manchmal auch von der Polizei oder von der Tierrettung der Berufsfeuerwehr Köln, die zum „Behandlungsraum“ sogar einen Schlüssel hat, damit sie auch nachts die Patienten in Gewahrsam geben können. Die auf Greifvögel und Eulen spezialisierte Tierärztin aus Wahnheide hat nur eine kurze Anfahrt.

„Wir haben eine fantastische Tierärztin, die sich hervorragend auskennt.“ Schwärmt der Stationsleiter, der in der Zwischenzeit kleine Behandlungen selbst durchführen kann. Im günstigsten Fall handelt es sich um ein Schädel-Hirn-Trauma, wenn der Vogel zum Beispiel mit einer großen verglasten oder verspiegelten Fläche zusammengestoßen ist. Gebrochene Beine oder Flügel sind auch nicht selten und hin und wieder kommt es zu inneren Verletzungen. Das Problem bei Brüchen: Vogelknochen sind hohl und splittern schnell. Selbst nach der Operation durch die Tierärztin wachsen sie meist nicht wieder richtig zusammen. So kann es vorkommen, dass die Tiere nicht wieder ausgewildert werden können und im schlimmsten Fall eingeschläfert werden müssen.

Sind nicht so die eleganten Jäger der Lüfte

Hauptunfallursache bei Greifvögeln und Eulen ist der Straßenverkehr. Der Mäusebussard zum Beispiel ist so ein Kandidat. „Sind nicht so die eleganten Jäger der Lüfte“, meint Werner mit trockenen Humor, während er das Jagdverhalten der in Deutschland am häufigsten vorkommenden Greifvogelart beschreibt. An Rändern von viel befahrenen Straßen sitzen die Bussarde auf Zaunpfosten und Laternenpfählen und warten ab, bis ein Kaninchen oder eine Ratte angefahren wird.

Beliebter Ausflugs- und Bildungsort

Die Dauerbewohner der Station bekommen solche Patienten meist gar nicht erst zu Gesicht. Sie wohnen mit ihren Artgenossen im Schatten prächtiger Birkenbäume und warten auf ihre tägliche Fütterung, die aus Eintagsküken, Mäusen oder Ratten besteht.

Besuch bekommen sie aber nicht nur von Achim Werner und den beiden Pflegern. An Sonn- und Feiertagen strömen jährlich bis zu 25.000 Besucher in die Station, weil sie einen Eindruck von Waldkauz und Schleiereule, dem Turmfalkenpärchen und dem Rotschwanzbussard Kitt bekommen wollen – und das bei freiem Eintritt.

Täglich kommt außerdem eine Klasse Grundschulkinder aus der Waldschule vorbei. Wie die Station ist die Waldschule Teil der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald Köln e.V., die ein verantwortungsvolles und kompetentes Umweltdenken fördern möchte. Die Greifvögel und Eulen spielen dabei eine wichtige Rolle, denn Tiere sprechen die Kinder ganz besonders an und Ronja ist natürlich der Star. Aber auch der kleine Steinkauz mit seinen großen, fast traurig dreinblickenden Augen erobert das Herz der Kinder. Drei Exemplare der zweitkleinsten Eulenart Europas leben in der Station. Schon seit der Antike ist sie als die Eule der Athene bekannt und befindet sich auf der griechischen 1 Euro Münze.
Die Plätze für die Waldschule sind jedes Jahr ausgebucht.

 

Der Steinkauz: Aufgrund ihrer hohen Lebensansprüche bald vom Aussterben bedroht. Rund 6.000 Brutpaare gibt es noch, davon 76% in NRW.

Der magische Moment

Achim Werner zieht dicke Lederhandschuhe an und nimmt den langstieligen Kescher mit dem schwarzen Netz zur Hand. Er geht den Wespenbussard fangen, den er heute auswildern wird. Als er wiederkommt trägt er die Kiste eines Flachbildschirms. Perfekt für den Transport von Greifvögeln, sagt er, glatte Innenwände und durch die vielen kleinen Löcher bekommen sie genügend Luft.

Auf einer ehemaligen Sanddüne in der Wahner Heide ist der magische Moment endlich gekommen. Ein jetzt ehemaliger Bewohner der Station kann wieder in seine Freiheit entlassen werden. Werner wirkt routiniert aber seine Begeisterung ist deutlich zu spüren. Einfach optimal seien hier die Auswilderungsbedingungen.

Seine lange Kralle benutzt er zum Ausgraben der Wespenbrut. Sie erinnert an die Kralle eines Velociraptors.

Von seicht unten bläst ein leichter aber warmer Wind, die Thermik, den Vögel benutzen, um leichter aufzusteigen. Obwohl der Vogel gesund ist, sind seine Muskeln durch die Gefangenschaft erschlafft und können jede Hilfe gebrauchen. Der Wespenbussard ist dabei ein besonders nützlicher Greifvogel. Als einer der wenigen Greifer ernährt er sich nicht hauptsächlich von Fleisch, sondern von Wespenbrut und faulem Obst. Die Brut gräbt er mit seiner langen Kralle aus – die ein wenig an die Kralle eines Velociraptors erinnert. Um sich gegen Wespenstiche zu schützen, besitzt er eine besonders stabile Nickhaut an den Augen. Seine Nasenlöcher kann er bei Bedarf verschließen.

Jetzt befindet sich der Wespenbussard in den Händen des Stationsleiters, der mit geübtem Griff den Vogel in Zaum hält, ohne sich vom kräftigen Schnabel beißen zu lassen.

Und plötzlich wirft Werner bestimmt aber gefühlvoll den Vogel in die Luft. Kaum eine Sekunde vergeht, da hat sich der Bussard auch schon im Wipfel eines Baumes versteckt. „Da sitzt er,“ sagt Werner, „der muss sich jetzt erst mal orientieren.“ Eine Weile noch beobachtet Werner den Vogel. Dann nimmt er die Kiste und geht zurück zum Parkplatz. Für einen Moment bleibt er noch mal stehen und schaut hinauf. Dem Vogel geht es gut.

Für Achim Werner ist diese Phase seiner beruflichen Laufbahn bald abgeschlossen. Zum 1. Oktober endet seine Förderung. Wie es ohne Leiter mit der Greifvogelschutzstation weitergehen soll steht in den Sternen. „Ich werde nie wieder hier her kommen,“ sagt er. „Das würde ich nicht verkraften.“

Stationsleiter Achim Werner schaut von der Sanddüne dem ausgewilderten Greifvogel nach.

 

Greifvogelschutzstation Köln
Schutzgemeinschaft Deutscher Wald Köln e.V.
Gut Leidenhausen

Geöffnet an Sonn- und Feiertage bis 30. Sept. von 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei
Jeden 3. Samstag im Monat gibt es eine kostenlose öffentliche Führung um 15 Uhr 

www.hausdeswaldeskoeln.de

Vogelnotruf: 0176 – 49 21 48 58

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KÄNGURU Stadtmagazin
Thomas Riedel

Der Text unterliegt der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0)

Fotos: CC BY 3.0 Thomas Riedel I Droid Boy
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